
Open Source war lange eine Frage von Haltung, Entwicklerpräferenzen oder Lizenzmodellen. Heute machen KI, Data Governance und die wachsende Sorge vor Vendor Lock-in daraus eine strategische Business-Frage. Für Commerce-Verantwortliche, die ihre nächste Plattform evaluieren, stellt sich damit eine ganz praktische Frage: Wie viel Kontrolle möchtest du über deine Daten, deine Infrastruktur und deine künftigen Technologieentscheidungen behalten? Dieser Beitrag zeigt, warum diese Frage immer weiter nach oben auf die Agenda rückt – und was das für die Wahl einer Commerce-Plattform bedeutet.
Am 24. Juli 2026 wurde ein offener Brief mit dem Titel „Open Weights and American AI Leadership“ veröffentlicht, zunächst mit den Unterschriften von 25 Unternehmen. Innerhalb eines Tages waren es Berichten zufolge bereits rund 50 – darunter NVIDIA, Microsoft, Meta, IBM, Dell Technologies, Palantir und Hugging Face.
In dem Brief geht es um KI-Politik, nicht um Commerce. Doch das zugrunde liegende Argument taucht seit rund zwei Jahren zunehmend auch in Gesprächen über die Auswahl von Commerce-Plattformen auf – meist weniger pathetisch formuliert: Wie viel davon können wir eigentlich selbst kontrollieren?
Was der Brief sagt – und was nicht
Der von NVIDIA-CEO Jensen Huang verfasste Brief argumentiert, dass offene Modelle die Cybersicherheit stärken, Innovation und Wettbewerb beschleunigen, den Zugang zu KI branchenübergreifend erweitern und nationale Souveränität unterstützen. Dabei zieht er eine direkte Parallele zur Open-Source-Softwarebewegung der 1980er-Jahre und fordert politische Entscheidungsträger dazu auf, herunterladbare Modelle nicht vorschnell einzuschränken.
Zwei Punkte sind dabei besonders wichtig, weil sie in Zusammenfassungen oft verloren gehen.
Erstens stellt der Brief offene Modelle neben geschlossene Frontier-Modelle – nicht an ihre Stelle. Er ist keine Absage an proprietäre Software. Wer ihn so interpretiert, liest ihn falsch.
Zweitens handelt es sich um ein politisches Positionspapier von Unternehmen mit wirtschaftlichen Interessen am Ausgang der Debatte. Das macht die Argumente nicht automatisch falsch. Das eigentlich interessante Signal ist jedoch weniger das Argument selbst, das seit 30 Jahren bekannt ist, sondern die Frage, wer heute bereit ist, es öffentlich zu unterstützen.
Die Annäherung der Positionen – kurz zusammengefasst
Microsoft-CEO Satya Nadella argumentierte am selben Tag in eine ähnliche Richtung. Seine Perspektive ist außerhalb der politischen Debatte besonders relevant: Open Weights (also öffentlich zugängliche, trainierte Modellparameter) ermöglichen es Unternehmen, Anwendungen zu entwickeln, ohne Modelle vollständig selbst trainieren oder die Preise geschlossener Frontier-Modelle zahlen zu müssen. Das fördert Wettbewerb, senkt Kosten und gibt Unternehmen mehr Kontrolle über ihre eigenen Daten und Modelle. Nadella beschreibt diesen Ansatz als institutionelle Souveränität.
Mark Zuckerberg formulierte bereits im Juli 2024 in seinem Beitrag „Open Source AI Is the Path Forward“ eine ähnliche Argumentation und griff dabei dieselbe Analogie auf wie der Brief von 2026: Unix wurde von Linux abgelöst, und der offene Technologie-Stack entwickelte sich letztlich zu einer fortschrittlicheren, sichereren und breiter unterstützten Grundlage.
Andreessen Horowitz nähert sich dem Thema vor allem aus Sicht der Wettbewerbsfähigkeit. In dem Essay „Asserting American Leadership in Open Source AI“ vom April 2026 berichtet das Unternehmen, dass 80 % der Entwickler:innen, die mit Open-Source-Tools arbeiten, chinesische Open-Source-Tools nutzen. Zudem hätten offene chinesische Modelle in einigen Wochen des Jahres 2025 bis zu 30 % der gesamten KI-Nutzung ausgemacht.

Ben Horowitz von Andreessen Horowitz auf der Bühne der TechCrunch Disrupt San Francisco 2018. Quelle: TechCrunch, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons.
Vier unterschiedliche Motive: Sicherheit, Innovation, Kontrolle für Unternehmen und nationale Wettbewerbsfähigkeit. Die Richtung ist dieselbe.
Warum das für Commerce-Verantwortliche relevant ist
Nichts davon dreht sich direkt um E-Commerce. Umso wichtiger ist es, die Argumente sorgfältig auf Commerce zu übertragen – statt vorschnell Parallelen zu ziehen. Denn drei davon lassen sich übertragen, eines nicht.
Operative Daten sind längst nicht mehr nur Nebenprodukt. Preisstrukturen, Segmentierungen, Freigabelogiken, Integrationsmuster oder Supporthistorien galten früher vor allem als operative Begleitdaten. In einem Markt, in dem Software besser wird, indem sie aus ihrer Nutzung lernt, bekommen diese Daten eine zweite Bedeutung. Dafür muss man niemandem böse Absichten unterstellen. Es reicht, diese Frage bewusst zu entscheiden, statt sie dem Standard zu überlassen.
Wechselkosten sind nicht mehr die einzige Form von Lock-in. Früher ging es vor allem um den Aufwand einer Migration: Daten, Integrationen, Schulungen. Dieser Aufwand lässt sich zumindest einigermaßen abschätzen. Schwieriger zu bewerten ist ein System, das sich kontinuierlich auf Basis deiner Nutzung verbessert, während du selbst keinen vergleichbaren Zugriff auf das gewonnene Wissen hast.
Transparenz ist zu einer Anforderung im Beschaffungsprozess geworden. Security Reviews, Prüfungen zur Data Governance und Vendor-Risk-Assessments gehören bei größeren Unternehmen inzwischen zum Standard. Eine Antwort wie „Wir können dir nicht sagen, wie das funktioniert“ wird dadurch zunehmend problematisch.
Und das ist der Punkt, der sich nicht einfach übertragen lässt: All das bedeutet nicht, dass eine Commerce-Plattform vollständige Kontrolle über die Modellebene versprechen sollte. Diese Unterscheidung ist wichtig und sollte klar benannt werden. Die nativen KI-Funktionen von Shopware sind Teil des Produkts. Was Händler heute tatsächlich kontrollieren können, ist, wo die Plattform betrieben wird, welche Daten sie verlassen und wer darauf zugreifen kann. Das ist ein engeres Versprechen, als es die politische Debatte nahelegt – aber eines, das sich belastbar vertreten lässt.
Wie Kontrolle bei einer Plattformentscheidung konkret aussieht
Konkret bei Shopware:
Ein Core, drei Deployment-Modelle. SaaS, PaaS oder self-hosted – auf Basis desselben Shopware-Cores. Der Punkt ist nicht, dass self-hosted grundsätzlich besser ist. Entscheidend ist, dass die Wahl offenbleibt. Händler, die ihre ERP-Anbindung eng an der eigenen Infrastruktur halten möchten, können das tun. Wer die Infrastruktur nicht selbst betreiben will, muss es nicht.
Ein Open-Source-Core unter MIT-Lizenz. Die Community Edition ist Open Source und kann heruntergeladen werden. Auch die kostenpflichtigen Pläne bauen auf demselben Core auf. Du kannst also nachvollziehen, welcher Code beispielsweise hinter deinen Preisregeln läuft.
Europäisches Hosting und Zertifizierungen, die im Beschaffungsprozess zählen. Shopware SaaS wird innerhalb der EU in Deutschland und den Niederlanden gehostet. Das Unternehmen ist nach ISO/IEC 27001:2022 zertifiziert und DSGVO-konform. Für sich genommen sind das keine Alleinstellungsmerkmale. Aber spätestens in einem Security Review werden sie zu Voraussetzungen.
Mehr als 55.000 Händler, über 6.000 Extensions und eine Developer Community mit mehr als 100.000 Mitgliedern. Ein offener Core ist nur dann wirklich wertvoll, wenn genügend Menschen damit arbeiten und du nicht der einzige bist, der ihn versteht.
Beijer Ref steigerte den E-Commerce-Anteil am Umsatz innerhalb von 36 Monaten von 0,1 % auf 15 % und zentralisierte dabei 200.000 Produkte in 28 Ländern. Veolia Umweltservice betreibt unter regulatorischen Anforderungen der Abfallwirtschaft mit 9.500 Mitarbeitenden an mehr als 250 Standorten ein Self-Service-Portal auf einer von ihnen definierten Infrastruktur. In beiden Fällen ging es nicht um eine philosophische Entscheidung.
Die Grenzen – offen benannt
Open Source macht Software nicht automatisch sicher. Es macht sie überprüfbar. Das ist nicht dasselbe – und bringt nur dann einen Vorteil, wenn tatsächlich jemand hinschaut.
Open Source beseitigt auch Lock-in nicht vollständig. Komplexe Implementierungen lassen sich unabhängig von der Lizenz nur mit Aufwand migrieren. Was Open Source jedoch vermeiden kann, ist eine Form von Lock-in, bei der ein Wechsel technisch gar nicht mehr möglich ist.
Und Open Source beantwortet auch die KI-Frage nicht. Wer welche Daten verarbeitet und zu welchen Bedingungen, bleibt eine vertragliche und architektonische Frage, mit der sich die gesamte Branche – Shopware eingeschlossen – weiterhin öffentlich auseinandersetzt. Wer behauptet, diese Frage sei bereits abschließend gelöst, verkauft meist eher eine einfache Antwort als die Realität.
Was sich verändert hat: Diese Fragen werden heute im ersten Gespräch gestellt und nicht erst im fünften – und zunehmend vom CFO statt nur von technischen Verantwortlichen. Genau das ist die eigentliche Nachricht hinter einem Brief, den innerhalb eines Tages rund 50 Unternehmen unterzeichnet haben.
Nächster Schritt: Wenn offene Architektur und Kontrolle über das Deployment auf deiner Evaluierungsliste stehen, zeigt dir unser Team gern konkret, was das bei SaaS, PaaS und self-hosted bedeutet.



